Was Kriminalitätsfurcht ist und wie sie die politische Kultur prägt

Abstract

Dieses Kapitel fasst die Erkenntnisse des Sammelbands „Subjektive Sicherheit und politische Kultur. Erkenntnisse aus Sachsen“ zusammen. Der Fokus liegt dabei auf der Frage, ob Kriminalitätsfurcht ein Ausdruck generalisierter Verunsicherungen oder ein spezifisch konstruiertes Phänomen mit eigenständiger Wirkung auf politische Einstellungen und politisches Verhalten darstellt. Die vorgelegten Befunde stützen überwiegend den Spezifizitätsansatz: Kriminalitätsfurcht – sowohl in ihrer personalen als auch der sozialen Dimension – ist ein distinktes Phänomen, das spezifische Auswirkungen auf politisches Vertrauen, Demokratiezufriedenheit, Wahlverhalten und politische Partizipation zeigt. Während die personale Kriminalitätsfurcht eng an individuelle Vulnerabilität und persönliche Erfahrungen tatsächlicher oder befürchteter Viktimisierung gekoppelt ist, gründet soziale Kriminalitätsfurcht stärker in der Wahrnehmung eines allgemeinen Verlusts sozialer Kontrolle und erweist sich als insgesamt wesentlich relevanter für die politische Kultur. In der Gesamtschau zeigen die Ergebnisse, dass Kriminalitätsfurcht nicht als bloßes Epiphänomen allgemeiner Ängste und Verunsicherungen verstanden werden kann, sondern als eigenständiger, kontextsensibler Einflussfaktor mit bedeutsamen Folgen für die demokratische politische Kultur – insbesondere im Fall der sozialen Kriminalitätsfurcht. Ihre Bekämpfung erfordert mehr als Kriminalitätsreduktion; sie benötigt differenzierte, langfristige Maßnahmen zur Stärkung sozialer Kontrolle und gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Publication
In: Reinhold Melcher, Christoph Meißelbach und Bernhard Weßels (Hg.): Subjektive Sicherheit und politische Kultur. Wiesbaden: Springer VS, pp. 459-470